Ole Wintermann beim AGV: Digitalisierung ist eine große Herausforderung

Der Vorsitzende des Arbeitgeberverbandes Minden-Lübbecke, Sven Hohorst (5. v. r.) konnte gemeinsam mit seinen Vorstandskolleginnen und -kollegen sowie AGV-Geschäftsführer André M. Fechner (r.) den Sozialökonom Dr. Ole Wintermann (2. v. r.) von der Bertelsmann Stiftung bei der AGV-Vortragsveranstaltung begrüßen. Foto (c): Pressebüro Amtage

Der Vorsitzende des Arbeitgeberverbandes Minden-Lübbecke, Sven Hohorst (5. v. r.) konnte gemeinsam mit seinen Vorstandskolleginnen und -kollegen sowie AGV-Geschäftsführer André M. Fechner (r.) den Sozialökonom Dr. Ole Wintermann (2. v. r.) von der Bertelsmann Stiftung bei der AGV-Vortragsveranstaltung begrüßen. Foto (c): Pressebüro Amtage

Minden (PAM). „Wir haben die Zukunft verschlafen.“ Dr. Ole Wintermann, Projektverantwortlicher im Programm „Unternehmen in der Gesellschaft“ der Bertelsmann Stiftung, findet deutliche Worte.

Bei der Jahreshauptversammlung des Arbeitgeberverbandes Minden-Lübbecke (AGV) in Minden stellt der Sozialökonom in seinem Vortrag den mehr als 120 Gästen aus Wirtschaft, Verwaltung und Politik die Frage: „Sind Sie fit für die Zukunft der Arbeit?“ Glaubt man den dann folgenden Ergebnissen von verschiedenen Erhebungen, muss in Deutschland die Frage mit „eher nicht“ beantwortet werden.

„Es geht Vielen heute sehr gut. Wollen wir, dass dieses so bleibt“, fragte AGV-Vorsitzender Sven Hohorst (Wago Kontakttechnik) bei der Begrüßung im Hotel Bad Minden die Zuhörer, darunter der heimische Bundestagsabgeordnete Achim Post und der ehemalige langjährige Mindener Abgeordnete und Parlamentarische Staatssekretär im Bundesfinanzministerium und heutige Hauptgeschäftsführer der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA), Steffen Kampeter. Wie dieses Gutgehen erhalten bleiben könne, zeigte Ole Wintermann in seinem Vortrag auf.

Die in einem engen Zusammenhang mit der Zukunft der Arbeit stehende Digitalisierung sei im Meinungsbild der Deutschen sehr negativ behaftet, betonte der Wissenschaftler. Der baute vor einigen Jahren die internationale Menschenrechtsplattform weye.info mit auf und setzte sich wenig später durch ein Schlüsselerlebnis bei einer Kommunikation auf dieser Plattform, bei dem es um ein Menschenleben ging, noch stärker für ein Umdenken beim Verständnis von Arbeit, ihren Abläufen und Zeiten vor dem Hintergrund fortschreitender Digitalisierung ein.

Wintermann: Die Deutschen können vor allem Faxen

Nine to Five – das klassische Arbeiten von neun bis 17 Uhr – könne nicht die Zukunft sein, so Wintermann. Die Grundhaltung in Deutschland aber sei: „Die ganze Entwicklung ist ein Drama, alles ganz furchtbar, was da auf uns zukommt.“ Werde von der Zukunft der Arbeit gesprochen, beherrschten negative Attribute wie Angst, Depression und Sozialphobie die Diskussion. „Das ist kein idealer Ausgangspunkt.“

Wie sich eine verfehlte Zukunftspolitik bemerkbar macht, zeigte Wintermann anhand von verschiedenen Charts auf. So liegt die Bundesrepublik bei der Dichte der schnelle Datentransporte garantierenden Glasfaseranschlüsse im Weltvergleich auf dem fünf letzten Platz. Nicht besser ist die Situation bei den schnellen Mobilfunknetzen oder die Computernutzung durch Lehrerinnen und Lehrer im Unterricht. Auch beim Einsatz Sozialer Medien scheint Deutschland abgehängt. „Was wir können, das ist Faxe verschicken“, verwies der Referent auf eine Erhebung, dass in acht von zehn Unternehmen das Telefax eines der Hauptkommunikationsinstrumente ist.

Wie sich bereits jetzt die Arbeitswelt verändert hat, beschrieb Ole Wintermann, der auch als Blogger unterwegs ist, anhand verschiedener Beispiele. Roboter, die Einfamilienhäuser in einem Tag bauen und Wohnungsbauten die aus dem 3D-Drucker kommen. Algorithmen, die es ermöglichen, Medikamente zu verschreiben, weil sie Wechselwirkungen besser zu berücksichtigen wissen als Ärzte. Oder digitale Codes, die in Unternehmen Finanzvorstände und Kreativköpfe ersetzen. Die künstliche Intelligenz ist auf dem Vormarsch.

Wintermann und seine Forschungsgruppe bei der Bertelmann Stiftung sehen die Zukunft der Arbeit in Projektteams ohne Chefs und Manager in Form einer Art Holokratie, in der maximale Transparenz und Beteiligungsmöglichkeiten vorherrschen. Als Beispiel führt er auch die Investmentfirma DAO an, die dezentral, autonom, und menschenlos nur als Code existiert und, von zwei Deutschen programmiert, 140 Millionen US-Dollar gesammelt hat.

„Die Digitalisierung ist eine große Herausforderung für die kleinen und mittleren Unternehmen“, betonte der Referent. Denn 90 Prozent der Handwerksunternehmen nutzten bislang keine digitalen Werkzeuge für die Arbeitsplanung. Sogenannte Tiefeninterviews mit Unternehmern hätten aktuell gezeigt, dass die Stimmung für eine digitale Transformation negativ sei. Zudem sei ohne eine eigene digitale Kompetenz keine digitale Führung möglich. Gleichzeitig werde die Nichtkompetenz nicht erkannt.

Deutlich werde aber auch, dass eine Veränderung des Arbeitsrechts notwendig sei, die Arbeitgeber die Arbeitnehmer mehr loslassen und bei Planungen mitnehmen müssten. Insgesamt fordere die digitale Arbeitsumgebung andere soziale Verhaltensweisen als bisher verlangt.

Kampeter: Die Sozialpolitik der Zukunft ist Bildung

Hinzu komme, dass Entwicklungen zukünftig gemeinsam mit den Kunden stattfinden, sowie Kommunikation und Information immer mehr an Bedeutung gewinnen würden. Das „Crowdworking“ führte Wintermann als weiteres Beispiel an: Unternehmen zerlegen Arbeiten in verschiedene kleine Projekte und vergeben sie an freie Mitarbeiter. Die Zukunft der Arbeit bedeute zudem mehr Nachrichtenverarbeitung als die Face2face-Kommunikation – das persönliche Gespräch.

Diese provokanten Thesen würden wachrütteln, resümierte AGV-Vorsitzender Hohorst vor der anschließenden regen Diskussion den Vortrag. Den kommentierte BDA-Hauptgeschäftsführer Kampeter mit dem Hinweis, dass sich im Arbeitsrecht definitiv etwas ändern müsse, um sich den Herausforderungen der digitalen Arbeitswelt stellen zu können. Besonders aber müssten die Bildungsanstrengungen fundamental verstärkt werden. „Die Sozialpolitik der Zukunft ist Bildung.“

Vorangegangen war dem Vortrag die Mitgliederversammlung des Arbeitgeber-Verbandes mit seinen 169 Mitgliedern. Die Stimmung sei positiv, fasste AGV-Geschäftsführer André M. Fechner am Rande des Vortrages das Ergebnis der Sitzung zusammen.

Arbeitgeberverband Minden-Lübbecke

© Text und Foto: Pressebüro Hans-Jürgen Amtage | Minden

 

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